Das kleine Gespräch mit meiner Nachbarin über Solidarität geht mir nicht aus dem Kopf und ich will ein paar Gedanken dazu notieren: Die Unterhaltung zeigt, dass “Solidarität” vieles heißen kann. Aus katholischer Sicht macht die Enzyklika Sollicitudo rei socialis von 1987 klar, dass Solidarität
“nicht ein Gefühl vagen Mitleids oder oberflächlicher Rührung wegen der Leiden so vieler Menschen nah oder fern [ist]. Im Gegenteil, sie ist die feste und beständige Entschlossenheit, sich für das ‘Gemeinwohl’ einzusetzen, das heißt, für das Wohl aller und eines jeden, weil wir alle für alle verantwortlich sind.” (38)
Das steht im diametralen Gegensatz zum Verständnis meiner Nachbarin, für die schon der Zusammenhalt innerhalb einer bestimmten Gruppe Solidarität ist. Im Prinzip liegt sie damit interessanter Weise gar nicht weit entfernt vom marxistischen Verständnis von Solidarität, das von seinen Anfängen 1864 mit der Gründung der Ersten Internationale her, bloß eine Klassensolidarität ist. Man sieht das noch heute, wenn Arbeiter bestimmter Länder und Erdteile für ihre Privilegien kämpfen und damit zu Konkurrenten von Arbeitern anderer Länder und Erdteile werden. Paradoxerweise liegt dem die gleiche Logik zugrunde wie der alten kapitalistischen Vorstellung vom homo oeconomicus, welcher sich vor allem um seine eigenen Interessen kümmert und so zugleich durch einen wundersamen Automatismus zum Diener des Gemeinwohls wird. Beide Vorstellungen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten als Irrtum erwiesen.
Meine Nachbarin ist weder Marxistin noch eine Anhängerin neoliberaler Ideologien. Sie ist, würde ich sagen, einfach ein “ganz normaler” Bürger, der nicht mehr weiß, was Solidarität eigentlich sein soll. Ich weiß nicht, wie christlich bzw. kirchlich meine Nachbarin sozialisiert ist, aber offenbar hat das katholische Solidaritätsverständnis bei ihr keine Spuren hinterlassen. Vielleicht liegt das daran, dass in diesem Solidaritätsverständnis, wie es die Enzyklika zum Ausdruck bringt und wie es weithin in der Soziallehre gilt, ein entscheidender Punkt unterbelichtet ist: In der christlichen Spiritualität kommt zur Solidarität immer auch der Statusverzicht. Die Evangelien sind voll von diesen “Abstiegsszenarien” bis hin zum Kreuz, dem Symbol für den absoluten Statusverzicht bzw. -verlust. Das ist der Weg der Christen. Welche Konsequenz hat das?
Solidarität ist “Einsatz für das Gemeinwohl”, ja, aber nicht bloß als Unterstützung für die anderen: Helfen kann auch eine Art der Machtausübung sein. So verrückt das klingt, aber eigentlich müssten alle, die nach dem Evangelium leben, gesellschaftlich nach unten streben zu einer Gemeinschaft der Schwachen. Denn das christliche Mysterium ist, dass in der Schwäche die wahre Stärke liegt. Ich weiß, dass es eine echte Revolution gäbe, wenn diese Wahrheit in unserer Zeit von Christen und insbesondere Katholiken zum Vorschein gebracht würde. Ich weiß aber auch, wie schwer es ist, auf Status zu verzichten. Und ich fürchte, das ist nichts, das man predigen kann, sondern das geht nur “in der Tat”.
Amen, Bruder!