Solidarität

Viele sprechen von Solidarität, aber nicht alle meinen dasselbe. Eine Geschichte dazu: Vor ein paar Tagen traf ich meine Nachbarin im Flur. Wir kamen ins Gespräch über die Erhöhung der Krankenkassenbeiträge. Ich erzählte ihr, dass ich vor einigen Jahren als junger Berufsanfänger von der Barmer Ersatzkasse in eine andere Krankenkasse gewechselt hatte, um einen niedrigeren Beitragssatz zu bezahlen und der zuständige Sachbearbeiter mich fast bekniet hatte, doch zu bleiben, es sei nun einmal so, dass die Barmer auch viele alte Mitglieder habe, die höhere Kosten verursachten und daher der Beitrag für alle auch höher sei als bei anderen Kassen, die sich nur auf junge Mitglieder konzentrierten. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, weil mein Wechsel offenbar unsolidarisch war. Daraufhin meinte sie, sie sei auch immer solidarisch gewesen und bis heute in der Barmer, obwohl das ja heute mit der Solidarität auch nicht mehr so wäre wie früher: Damals nämlich sei man beim Arzt bevorzugt behandelt worden, wenn man bei der Barmer war. Heute sei das nicht mehr so. Sie halte trotzdem viel von Solidarität und sei deshalb auch immer noch Kundin der Deutschen Bank, wo die Situation besser sei.

Ich war sprachlos, weil ich nicht sofort verstand, wie sie in diesem Zusammenhang von Solidarität sprechen konnte, aber dann dämmerte mir, dass sie Solidarität einfach als Prinzip des Zusammenhalts von Menschen mit gleichem Status und gleichen Interessen verstand. Ich dachte dagegen immer, Solidarität habe ausdrücklich etwas damit zu tun, dass Stärkere sich Schwächeren zuwenden. So ist es zumindest in der franziskanischen Spiritualität und die Urgeschichte des franziskanischen Solidaritätsgedankens ist die Begegnung mit dem Aussätzigen (DreiGefLeg 12), der von Franziskus Zuwendung erfährt, indem dieser vom Pferd absteigt, ihm ein Geldstück gibt und den Friedenskuss. Diese Geschichte mahnt aber auch, dass Solidarität NIE eine Einbahnstraße sein kann: Es ist nicht Franziskus, der schließlich dem Aussätzigen den Friedenskuss gibt, sondern umgekehrt: Franziskus empfängt vom Aussätzigen den Friedenskuss.

Über Janko

Videojournalist, Theologe
Dieser Beitrag wurde unter Spiritualität abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s