Dieses Wortspiel von Jon Sobrino ist urfranziskanisch (womit mal wieder gezeigt wäre, dass sich auch Jesuiten sehr viel vom Heiligen aus Assisi abschauen
): “Ohne die Armen kein Heil” steht dabei auf den ersten Blick im Gegensatz zu dem auf Cyprian von Karthago zurückgehenden Spruch Extra ecclesiam nulla salus. Auf den zweiten Blick bezeichnen aber beide Aussagen in franziskanischer Perspektive ein- und dieselbe Sache.
“Außerhalb der Armen kein Heil” wäre die genauere Übersetzung, sprich: Wer die Armen ausschließt, ist vom Heil ausgeschlossen. Diese Formel entspricht der Urerfahrung, die der reiche Kaufmann Franz von Assisi macht, als er sich den Aussätzigen zuwendet, die im 13. Jh. am äußersten Rand der Gesellschaft lebten und praktisch wie lebende Tote behandelt wurden – ausgeschlossen, unnütz, verachtet:
“So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen: denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt. Und danach hielt ich eine Weile inne und verließ die Welt.” (Test 1-3)
Wohlgemerkt handelt es sich hier um die ersten Worte und nicht um das Ende des Testaments, das Franz von Assisi kurz vor seinem Tod notiert hat. In seiner Sicht beginnt die Bekehrung also in der Begegnung mit den Aussätzigen. Kirche und Evangelium kommen danach, denn im Nachhinein erst wird ihm deutlich, dass seine Erfahrung zutiefst christlich ist:
“Und der Herr gab mir in den Kirchen einen solchen Glauben, dass ich in Einfalt so betete und sprach: Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, hier und in allen Deinen Kirchen auf der ganzen Welt, und wir preisen dich, weil du durch dein heiliges Kreuz die Welt erlöst hast.” (Test 4-5)
Dieses Gebet, das im Kern der Karfreitagsliturgie entspringt, wird zum Urgebet der franziskanischen Bewegung bis heute. Überall, wo Franz von Assisi mit seinen Gefährten ein Kreuz oder eine Kirche fand, wurde es gebetet. Das ist auch in den Quellen bezeugt (1 Celano 45,2; Anonymus Peresinus 19,2; Dreigefährtenlegende 37,2; Legenda Maior IV,3). Die Dreigefährtenlegende berichtet, die ersten Minderbrüder um Franziskus hätten ausgesehen wie Waldmenschen, ein äußeres Zeichen ihres gesellschaftlichen Positionswechsels, ihrer conversio. Das Kreuz ist ihnen zum Symbol dafür geworden: Nudus nudum Christum sequi – Nackt dem nackten Christus folgen.
Die franziskanische “Option für die Armen” erwächst nicht aus Programmen, theologischen Lehren oder gar irgendwelchen Ideologien, sondern aus der konkreten Konfrontation mit Armut und Exklusion. Für Franz von Assisi wird diese Konfrontation zur zentralen Lebenserfahrung: Ein reicher Kaufmann, der zur Elite der Gesellschaft gehört, gerät unter die radikal Ausgeschlossenen am äußersten Rand der Gesellschaft, weil “der Herr” ihn unter sie führt, und was ihm vorher “bitter” erschien wird ihm zur “Süßigkeit der Seele und des Leibes” – man würde das heute wohl eine ganzheitliche Erfahrung nennen.
Folglich sind für Franz von Assisi Kreuz und Kirche deshalb Zeichen des Heils, weil sie eine Umkehrung der Verhältnisse anzeigen: Das Heil liegt nicht mehr ganz oben, sondern ganz unten in der Hierarchie. Die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, der bis in die Tiefen der Kreuzesschande, der radikalsten gesellschaftlichen Exklusion, bis in die Tiefen des Todes hinabsteigt wird für Franziskus zum Wegweiser und Maßstab. Im Mittelpunkt steht dabei seinem Testament nach zu urteilen keineswegs der caritative Aspekt – und die aufopfernde Fürsorge für die Aussätzigen wäre ja auch alleine nichts Neues gewesen.
Das Armutsideal der franziskanischen Bewegung besteht nicht darin, Not und Leid zu glorifizieren, sondern sich mit den Armen und Ausgeschlossenen zu solidarisieren. Extra pauperes nulla salus ist daher für Franz von Assisi im Prinzip völlig identisch mit Extra ecclesiam nulla salus, denn Kirche ist da, wo Christus ist und Christus ist dort, wo die Armen sind. Ganz einfach. Die Erfahrung des Schmerzes über ihr Leid, ihr Elend und die Ungerechtigkeit ist der Motor der franziskanischen Spiritualität.