Welche Haltung sollte ein franziskanisch gesinnter Mensch in Kirche und zu ihren Repräsentanten einnehmen? Diese Frage kann man kontrovers diskutieren. Im letzten Lehrbrief des “Grundkurses zum franziskanisch-missionarischen Charisma” (CCFMC) habe ich folgende interessante Gedanken gefunden, die unter dem Titel “Hören statt Hörigkeit” sehr überzeugend zum Ausdruck bringen, was ich zusammenfassend als “kritische Loyalität” bezeichnen würde:
Zunächst ist darauf hinzuweisen, daß sich Franziskus allen Versuchen, ihm eine traditionelle Lebensform zu geben, widersetzt hat. Er folgt der Berufung, die unmittelbar von Gott ausgeht, auf einen ganz und gar neuen Anfang:
„Und nachdem mir der Herr Brüder gegeben hat, zeigte mir niemand, was ich zu tunhätte, sondern der Höchste selbst hat mir geoffenbart, daß ich nach der Vorschrift des heiligen Evangeliums leben sollte. Und ich habe es mit wenigen Worten und in Einfalt schreiben lassen, und der Herr Papst hat es mir bestätigt” (Test 14f.).
Es ist also keine Illusion zu hoffen, daß Christen immer wieder neue Anfänge innerhalb der Kirche setzen und so die ganze Kirche in einen Bekehrungsprozeß hineinnehmen können. Die Evangelisierung wäre oft einfacher, wenn kirchliche Amtsträger ein ausgeprägteres Vertrauen in das Wirken des Heiligen Geistes hätten.
„Der Heilige Geist weckt auch auf vielfache Weise den Missionsgeist in der Kirche Gottes und eilt nicht selten der Tätigkeit derer, die das Leben der Kirche zu leiten haben, voraus” (AG 28).
Gehorsam gegenüber der Kirchenleitung muß sich zuerst immer als Gehorsam gegenüber dem Geist Gottes erweisen und darf nicht nur bloße Hörigkeit sein. Sonst stagniert das Leben, und das Evangelium verliert seine Wirkung. Allerdings darf man seine eigenen Erkenntnisse und Erfahrungen auch nicht absolutsetzen. Franziskus ging zum Papst, um seine neue Lebensform bestätigen zu lassen, nicht um sie zu empfangen (vgl. 1 C 32). Dennoch war ihm die Bestätigung wichtig, um in der Einheit der Kirche zu leben.
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