Die Initiative für ein eigenes Blog rund um den Heiligen Franz von Assisi und die franziskanische Spiritualität ist praktisch aus einem Leiden an der katholischen Kirche dieser Zeit geboren. Als der Bischof von Augsburg, Walter Mixa, sein Rücktrittsgesuch beim Papst einreichte, erschien auf dem franziskanisch geprägten Blog paxetbonum.de ein Beitrag, der mich nachdenklich machte. Den Beitrag und die anschließende Diskussion dokumentiere ich hier. Ralf schrieb:
Er ist dann mal weg …
Oder hat zumindest seinen Rücktritt eingereicht, der Augsburger Bischof Walter Mixa.
Und jetzt?
Was hatte das mit den Verbrechen der pädophilen Kindesmißhandlung zu tun? Wurde da jetzt jemand zur Rechenschaft gezogen, der einfach einen pädophilen Priester bloß versetzt hat (der jetzige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, war ja mal Personalchef des gleichen Erzbistums, da kann man doch vielleicht was finden …)?
Ich glaube nicht, daß es den Entscheidern in den Medien um die Sache geht, es geht nicht um die Opfer, es geht auch gar nicht einmal um Kindesmißhandlung.
Ich vermute, daß es darum geht, die Stimmen klein zu machen, die sich gegen den Mainstream wenden. Hätte mein Ortsbischof Joachim von Köln etwas auf dem Kerbholz so wie Mixa – die Presse wäre freudig drauf angesprungen, Erzbischof Robert in Freiburg dagegen ist zu nett, um in dessen Vergangenheit zu wühlen …Nun ist es ja so, wie ein anderer rheinischer Katholik schrieb, daß bis hoch zum Papst entweder eine Gleichgültigkeit oder eine ausgeprochene Naivität in Kirchenkreisen darüber herrscht, wie die Medienwelt funktioniert und wie die säkulare Welt den Koloß Kirche sieht. Es scheint so zu sein, daß die Einladungen, Ehrendoktortitel, Laudationes, Respektbezeugungen etc. bei den Bischöfen tatsächlich den Eindruck hinterlassen, die säkulare Welt würde die Kirche wenn nicht verstehen, so doch zumindest mögen.
Beides ist nicht wirklich der Fall (und wird durch die Kirchensteuer übrigens nicht wahrscheinlicher).
Meistens ist man skurril bis sehr schräg, wird als Dienstanbieter gerne genutzt, geht mit dem Anspruch an den Menschen an sich den meisten am Allerwertesten vorbei (inklusive den – subjektive Empirie – meisten hauptamtlichen Mitabeitern). Man nutzt die Kirche gerne als Lebenswendengestalter, als Folkloreanbieter, als Gefühlsbeduseler.
Sorry, lieber Klerus: mehr ist da nicht. Es sei denn, Eure Lebenswelt ist nicht wie meine zu >90% von Säkularem geprägt, dann kann man schon mal was anderes meinen.
Was soll man also daraus lernen, aus dieser Geschichte, die sich jetzt sicher verlaufen wird, weil ja der Dramaturgie Rechnung getragen wurde?
Es wäre schon mal ein Erfolg, wenn nicht jeder Kirchenvertreter (auch ein Bischof ist nicht mehr Kirche als ich) in jedes subnasale Mikrofon seine unreflektierte Äußerung kundtun würde. Es wäre ein Erfolg, wenn gleiches von undemokratisch gewählten Laienvertretern ebenfalls nicht getan werden würde. Es wäre ein Erfolg, wenn die Kirchenleitung sehen würde, die Kirche hierzulande keinerlei Bonus warum auch immer hat – den auch nicht haben sollte übrigens.
Und, da es ja eigentlich um was ganz anderes geht: es wäre ein Erfolg, wenn es der Kirchenleitung mehr um die Wahrheit als um Ansehen und Ehre ginge.
Ich antwortete:
Zu Mixa: Er hat gelogen, denn er hat gesagt, er habe nix gemacht und dann hat er doch Ohrfeigen zugegeben. Warum nicht gleich? Damit hat er doch seine Glaubwürdigkeit als Bischof verspielt. Und ich sehe es so: Ein großer Teil seines Volkes, das eben nicht nur aus “Konservativen” besteht, wollte ihn nicht mehr. Sind die alle verblendet?
Zur säkularen Welt: Der heilige Franziskus mag seine lieben Brüder (und Schwestern) immer ermahnt haben, dem Klerus mit Liebe zu begegnen. Aber er hat auch gesagt “Euer Kloster sei die Welt”. Dass diese Welt nicht perfekt ist, wusste er sicher. Wie wäre es, dieser Welt auch mit Liebe zu begegnen, auch wenn es sich um eine globalisierte, neoliberal und kapitalistisch verseuchte Medienwelt handelt?
Ich arbeite übrigens in den “Medien” und ich könnte mich jetzt auch mal beklagen, wie hier und andernorts mit uns “Entscheidern” umgegangen wird: Alle in einen Topf schmeißen und schön umrühren. Als Journalist bin ich meinem Gewissen verpflichtet und sonst niemandem. Das teile ich mit den (wahren) Christen dieser Welt, die weder konservativ, noch progressiv, noch sonst irgendwie sind – sondern einfach Gott verbunden. Das ist außerdem die katholische Weite, die ich kennen gelernt habe in meiner Zeit als Franziskaner und das ist die katholische Weite, die ich heute vermisse in den Zeiten, wo Kirche immer mehr zu einem weltabgewandten Traditionalistenclub verkommt, wo man als Katholik nicht mehr dazu gehört, wenn man seine (unbequeme) Meinung sagt.
Daher: Nein, ich bin anderer Meinung, Du sprichst mir nicht aus dem Herzen, sondern machst mich traurig. Vielleicht ist es nur ein klitzekleiner Akzent, eine minimale Verschiebung in der Perspektive, die uns trennt, aber daran entscheidet sich offenbar sehr viel.
Ralf schrieb zurück:
Mein Problem ist nicht der angebotene Rücktritt vom Ortsbischofsamt Walter Mixas, denn wer gut austeilt – und das konnte und kann er – muß auch einstecken können, zumal wenn die Weste nicht lupenrein ist (wessen ist das schon?).
Mein Probleme liegen 1. im generellen Dilletantismus der älteren Bischofsgeneration im Umgang mit den Medien, die jüngeren sind da ja weitaus gewandter, 2. im Bauernopferstatus des Walter Mixa, da jetzt sicher nichts mehr großartig kommt, die Dramaturgie hat ihren Abschluß gefunden, und keinem Mißbrauchsopfer damit auch nur ansatzweise genüge getan wird, 3. dem verqueren Kirchenbild, da die meisten Opfer alsKatholiken genauso Kirche waren wie die Täter und 4. der von Heiligen Vater B16 zurecht als ursächlich beklagten Geilheit auf Macht, Ruhm und Ehre von einem Teil des Klerus.Du weißt sicher auch, warum Franziskus meinte, daß das Kloster die Welt sein solle, wenn Du selbst Franziskaner warst, oder? Die Brüder wollten Häuser, er wollte diese nicht. Der Bruder Esel, der Leib,sei die “Mönchszelle” für Seele und Herz, mehr bräuchte es nicht, diese Zelle könne man überall mitnehmen, daher braucht der Minderbruder kein Kloster im klassischen Sinn und das Kloster ist die Welt.
Ja, die Kirche ist ein Traditionalistenclub, aber ein sehr weltzugewandter Traditionalistenclub – denn diese Welt gilt es ja zu durchsäuern mit dem Evangelium. Die Mission gilt den Universitäten wie den Diskotheken, den Straßenstrichs wie dem bürgerlichen Milieu.
Natürlich bist Du als Journalist wie generell als Mensch nur dem Gewissen verpflichtet. Ich nehme auch bei Dir an, daß der Anspruch zur Wahrhaftigkeit des Übermittelten, also der wahren(!) Medien-Information, mit dazugehört. Wenn man sich ansieht, wie die säkulare Presse aber mit den Mißbrauchsfällen umging, war es mit der Wahrhaftigkeit nicht weit her. Soll eben jeder so wie er meint, tue ich ja auch.
Ach ja, wer ist ein wahrer Christ? Wer ist überhaupt ein Christ? Kann man das selbst festlegen?
Und dazugehören tust Du solange, solange Du das willst durch Taufe und Firmung – egal was andere sagen. Der Leib Christi braucht jeden, mir würde jeder fehlen. Aber jedem der geht, fehlt auch der Leib früher oder später.
Ich schrieb:
“Kirche ist ein Traditionalistenclub, aber ein sehr weltzugewandter” schreibst Du – und da kann ich nur sagen: Seh ich nicht so! Vor allem nicht, um direkt auf den Kölner Kardinal und sein Schmerzbistum zu kommen, beim Umgang mit sexuellem Missbrauch. Ich sehe auch, dass sich Meisner höflich zurückhält in den letzten Monaten, das liegt aber nicht am Thema, sondern am Alter – es war sowieso ruhiger geworden um den “rheinischen Kirchenfürsten”.
Ich habe 2004 auf die Frage, wie viele Fälle von sexuellem Missbrauch es denn aktuell im Erzbistum Köln gibt, von der Pressestelle damals genau die Antwort erhalten, die auch in dieser Infobroschüre steht: In 25 Jahren 1 Fall. Was dann auch noch als ausgesprochen positives Beispiel dargestellt wurde, weil der Kardinal eben eine absolute “Null-Toleranz-Politik” verfolge. Ich habe dann kurz darauf im Gespräch mit einer Psychologin erfahren, dass sie drei Priester aus dem Erzbistum in Therapie habe wegen Pädophilie und sexuellen Missbrauchs. Sind das keine Fälle? Nein, so die Antwort des Erzbistums: Um einen “Fall” handelt es sich nur, wenn ein Täter rechtskräftig verurteilt wird. Und da komm ich nicht mehr mit. Meiner Meinung nach fängt da schon das an, was man heute als Vertuschungs- und Lügenpraxis kritisiert. Jeder Verdacht, der geäußert wird, ist eine Sache für die Staatsanwaltschaft, die so etwas prüfen muss, und nicht für noch so ehrwürdige Prälaten und kirchliche Würdenträger.
Im Übrigen gehört Kardinal Meisner bekanntermaßen nicht zu den großen Aufklärern unter den Bischöfen, sondern eher zur Pipi-Langstrumpf-Fraktion nach dem Motto “wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt”. Er ist ja beispielsweise auch überzeugt davon, nie einen Homosexuellen zum Priester geweiht zu haben. Alle wissen, dass das nicht stimmt.
Nein, Kirche ist nicht (mehr) weltzugewandt. Kirche hat sich in weiten Teilen und verkörpert durch eine sehr große Zahl ihrer Bischöfe und Amtsträger “die Welt” zum allerschlimmsten Feind erkoren. Diese Weltabgewandtheit dieses Teils von Kirche ist trotz des II. Vatikanum zu einer Haltung geworden, die sich wie eine Art Geschmacksverstärker durch Predigten, medialen Äußerungen und Stellungnahmen zieht.
Diese Haltung wurzelt meiner Meinung nach in einer überzogenen “Spiritualität von oben”, die immer von hohen Idealen ausgeht (was ja grundsätzlich seine Berechtigung hat), aber den Kontakt zur Wirklichkeit verloren hat. So etwas führt – ob persönlich oder institutionell – zu einer inneren Spaltung und genau die erleben wir gerade in Kirche extrem: Blindheit für die eigene Realität, aggressive Frömmigkeit, Projektion verdrängter Leidenschaften auf andere. Um das eigene Ideal aufrecht zu erhalten, verdrängt man seinen Schatten und projiziert ihn auf andere, über die man schimpft und sich entrüstet oder eben mit frömmelnder Arroganz herabschaut. Die Arroganz ist oft eher Sache der Amtsträger (Mixa war da eine Ausnahme, der hat eben auch mal geschimpft), das Schimpfen und sich entrüsten findet dann aber eher bei den Schäfchen statt, die meinen, “ihre Kirche” “verteidigen” zu müssen.
So, und das ist genau der Punkt, der mich immer so traurig macht, wenn ich – um ein bisschen persönlicher zu werden – hier Texte von Dir und Kommentatoren lesen, die – manchmal auch nur ein wenig – von diesem Geschmacksverstärker enthalten. Und ich würde hier gar nichts schreiben, wenn ich das Gefühl hätte, dass Du sozusagen unerreichbar bist für das, was ich jetzt “Spiritualität von unten” nenne. Das ist nämlich meiner Meinung nach die Spiritualität, die Franziskus in seinem Leben immer mehr verwirklicht und gelebt hat. Er hat seine Ideale Stück für Stück hinter sich gelassen, angefangen beim Ideal des bürgerlichen Kaufmanns, dann das Ritterideal und schließlich das Ideal des Heiligen – was ihn schließlich paradoxer Weise zu einem Heiligen gemacht hat. In der “Spiritualität von oben” ist Vollkommenheit ein Ergebnis menschlicher Anstrengungen, also eine bestimmte Askese oder Gebetstechniken oder was auch immer, die ein ständiges Wachsen bedeuten, einen schwierigen Aufstieg – man muss sich halt anstrengen. Franziskus hat schon in seiner Bekehrung einen Abstieg begonnen, der sein ganzes Leben prägt. Er wollte allen Untertan sein. Am Ende hat er sich sogar bei seinem Leib, dem “Bruder Esel” entschuldigt, für alles, was er ihm (und damit sich) angetan hat.
Die franziskanische Haltung ist die, die sich dem Aussätzigen zuwendet. Ganz konkret dem Schwächsten und in der Gesellschaft am Rand stehenden, aber auch im übertragenen Sinn den eigenen Schattenseiten und Leidenschaften. Wer Menschen mit dieser Haltung begegnet, der fühlt sich angenommen, aufgenommen, akzeptiert, respektiert, geliebt, geborgen. Wer heute “Kirche” begegnet empfindet oft eher das Gegenteil. Da ist gewissermaßen eine Wand von Idealvorstellungen, die einigen Zeitgenossen undurchdringlich erscheinen muss.
Die franziskanische Zuwendung zum Aussätzigen ist keine “von oben”, das erleben wir ja zur Genüge. Bei Franziskus ist es eine Zuwendung auf Augenhöhe. Sie umfasst den Bruderkuss: Ich bin wie Du und Du bist wie ich. “Euer Kloster sei die Welt” beinhaltet genau das: Alle Menschen, ja sogar alle Lebewesen, sind unsere Schwestern und Brüder. Und das ist noch nicht einmal etwas Besonderes, sondern der Auftrag am Ende des Evangeliums “Geht hinaus in alle Welt”. Das würde ich gerne einmal durchdekliniert sehen auf Reizthemen wie Armut, (illegale) Immigration, Sucht, AIDS, Homosexualität usw.
Wenn ich aus dieser Perspektive auf meine Kirche schaue, dann werde ich wütend und ärgerlich. Die dauernd wiederholte “Relativismus”-Kritik von Seiten des Papstes ist ein gutes Beispiel für so eine “Spiritualität von oben”. Eine “Spiritualität von unten” würde damit anfangen, sich selbst zu “relativieren” und sich damit – im wahrsten Ursinn des Wortes – in Beziehung zu setzen zu anderen.
Ich will das jetzt nicht weiter ausführen, ich hoffe, es ist deutlich geworden, was ich meine. Es ist doch interessant, dass Du eher wütend bist auf “die Welt” und ich eher wütend bin “auf die Kirche” – auch wenn es da Überschneidungen gibt. Für mich ist es nur ein kleiner Unterschied in der Perspektive, der uns trennt. Aber für mich er ist entscheidend. Weiß nicht, wie Du das siehst.
Ralf antwortete:
Ich bin nicht wütend auf “die Welt” und nicht wütend auf “die Kirche” – ich verstehe allerdings nicht, wie Du Deine Kirchenkritik (die Begriffe wie Schmerzbistum und ähnliches lassen schon mehr als Wut (Hass?) gegen die Hierarchie vermuten) mit dem vereinbaren kannst, wie Franziskus über die Kirche und seine Vertreter sprach.
Bitte nenn mir ein Beispiel bei Franziskus, wo er so über die Kirche sprach wie Du, Janko.
Wenn du auch nur eines findest, dann können wir weiter über franziskanische Spiritualität reden, sei sie von oben oder unten.
Ich antwortete:
Ich zitiere Kapitel CVII, 146 aus der zweiten Lebensbeschreibung von Celano, wo Franziskus seine Brüder mit folgenden Worten zur Unterwürfigkeit gegen den Klerus ermahnt:
“Zur Unterstützung des Klerus sind wir gesandt für das Heil der Seelen, damit das, was ihm fehlt, von uns ersetzt werde. Jeder wird seinen Lohn empfangen nicht nach dem Ansehen, das er besaß, sondern nach dem Maße seiner Arbeit. Wisset Brüder, dass die Rettung der Seelen Gott überaus wohlgefällig ist und dass man dieselbe besser durch Frieden erreichen kann als durch Zwietracht mit dem Klerus. Wenn er selbst das Heil des Volkes verhindert, dann bedenkt: Gott steht die Rache zu, und er wird ihnen vergelten zu seiner Zeit. Seid daher der kirchlichen Obrigkeit untertan, damit nicht, soviel an euch liegt, Eifersucht aufkomme. Wenn ihr Söhne des Friedens seid, werdet ihr Klerus und Volk für den Herrn gewinnen, was der Herr für wohlgefälliger erachtet, als wenn ihr nur das Volk gewinnt, den Klerus jedoch ärgert. Bedecket daher ihre Fehler, ersetztet ihre vielfältigen Mängel, und habt ihr dies getan, so seid erst recht demütig!”In diesen Worten steckt eine Menge “Kirchenkritik”: Da ist von einem Teil des Klerus die Rede, der Fehler macht, vielfältige Mängel hat und so das Heil des Volkes verhindert. Für das 13. Jahrhundert sind das außerordentlich klare Worte, denn wer sich in jener Zeit zu weit aus dem Fenster gelehnt hat, der durfte mit dem Tod rechnen.
Ich hätte gern die Kreativität eines Franz von Assisi, der nicht mit Worten, sondern mit Taten eine leibhaftige Kritik an der Kirche seiner Zeit geäußert hat. Alleine die Tatsache, dass er das Privileg seiner völlig ärmlichen Lebensform zeitlebens verteidigt hat gegen die Abneigung der kirchlichen Behörden seiner Zeit, ist ein sprechendes Bild seiner Art von “Kirchenkritik”. Die Tatsache, dass er zu den Aussätzigen ging war eine Kritik am Umgang mit den Ausgestoßenen.
Ralf schrieb:
Natürlich hat Franz Kirchenkritik geübt, das ist nicht die Frage, Janko. Aber er hat sie nicht geübt, indem er von anderen (vulgo: dem Klerus) Besserung verlangte, sondern “lediglich” (was doch so viel ist) seinen vom Herrn gewollten Lebensstil bis ans Ende verteidigte, auch gegen den Willen der Bischöfe.
Er arbeitete nur bei sich selbst und an seinen Brüdern des Ersten Ordens, von denen er dasselbe verlangte, da sie freiwillig da waren und wieder gehen konnten ohne der Gnade der Kirche verlustig zu gehen.
Von niemandem sonst verlangte er auch nur einen Millimeter Änderung.
Auch ich wünsche mir, wie er sein zu können im Rahmen eines Familienvaters, ohne dieses Ideal der eigenen Familie aufzwingen zu wollen – doch scheitere ich in meinen persönlichen Möglichkeiten schon viel zu oft. Wie kann ich dann von anderen was fordern?
Gehe ich zu den Aussätzigen von heute? Nehme ich Obdachlose bei mir zuhause auf? Besuche ich Gefangene? Schon das Heilen der Kranken ist schwierig genug und das Heilen der Seelen erreiche ich eigentlich nie.
Wir sind als Glieder der Kirche alle Kinder Gottes, der Papst ist genauso mein Bruder wie der alkoholkranke Nachbar, beide werden ihre Wunden haben, der eine trägt sie öffentlicher als der andere. Doch über die Qualität oder Quantität der Wunden wissen wir nichts.
Franziskus ist einer der wenigen der sich Kirchenkritik wirklich hätte erlauben können, wie bspw. auch Mutter Teresa von Calcutta oder der Hl. Damien de Veuster. Doch diese alle wußten genau, warum sie keine anbrachten.
Ich antwortete:
Der heilige Franziskus kam einmal zu Papst Gregor ehrwürdigen Angedenkens, der damals noch ein geringeres Amt bekleidete, zu Besuch. Als die Stunde des Mittagessens heranrückte, ging er aus, um Almosen zu sammeln. Und wie er zurückkam, legte er die Stücklein Schwarzbrot auf des Bischofs Tafel. Als das der Bischof sag, schämte er sich ein wenig, vor allem wegen der neu geladenen Gäste. Der Vater aber verteilte freudestrahlend die empfangenen Almosen unter die Ritter und Geistlichen, die mit zu Tische saßen. Alle nahmen die Gaben mit Andacht und Ehrfurcht an. Die einen aßen davon, die anderen bewahrten sie aus Ehrerbietung auf. Nach dem Mahle stand der Bischof auf, nahm den Mann Gottes mit in seine Gemächer, öffnete seine Arme und zog ihn an sich. “Mein Bruder”, sprach er, “warum hast du mir Schande angetan, dass du um Almosen ausgingst in dem Hause, das dir und deinen Brüdern gehört?” Ihm entgegnete der Heilige: “Ehre habe ich euch vielmehr erwiesen, indem ich den größeren Herrn geehrt habe; denn Gott hat Wohlgefallen an der Armut und am meisten an der Bettelarmut, die freiwillig ist. Ich aber besitze die königliche Würde und den außergewöhnlichen Adel, jenem Herrn nachzufolgen, der, obgleich er reich war, um unsertwillen arm geworden ist.” Und er fügte hinzu: “Mehr Genuss habe ich von einem armen Tisch, der mit geringen Almosen gedeckt ist, als von großen Tafeln, auf denen Gerichte stehen, so zahlreich, dass man sie kaum zählen kann”. Darüber war der Bischof hoch erbaut, und er sprach zum Heiligen: “Mein Sohn, tue, was gut ist in deinen Augen, denn der Herr ist mit dir” (2Cel 73, vgl. Legenda Perusina 97,1-24; Spiegel der Vollkommenheit 23)
Fragen:
Wollte Franzsikus dem damaligen Kardinal Hugolino und späteren Papst Gregor wohl etwas sagen und wenn ja, was?
Tat er das etwa, um den Segen des Kardinals zu erlangen?
Oder hat er von ihm “Besserung” erwartet, indem er ihn darauf hingewiesen hat, dass er in seinem Reichtum genau das Gegenteil von dem verwirklicht, was Christus wollte und tat (Kontext: 13. Jh.!!!)?
Wieviel hat der Kardinal und spätere Papst davon verstanden?
Nenne Du mir ein Beispiel dafür, dass Franziskus es je für nötig gehalten hätte, sich von einem Bischof in dessen Eigenschaft eines Lehrers der Kirche in entscheidenden Fragen unterweisen zu lassen! Ich finde keines und frage mich: Was mag das bedeuten? Was ist das für ein Selbstbewusstsein, das Franziskus da zeigt, wenn er den Mut – und nach damaligen Maßstäben wohl schon eher die Frechheit – besitzt, einen Kardinal über die Armut Christi zu belehren?
Ralf antwortete:
Franz besteht in seiner Regel darauf – und zwar vehement – daß alle Brüder katholisch denken, reden, glauben und leben. Sie alle werden vor Eintritt in den Orden auf ihren katholischen Glauben hin geprüft!
Die Kirche ist der Lehrmeister für Franz, ihrer Lehre will er nie offen widersprechen. Er ging zum Papst, um seine Lebensform bestätigen zu lassen – warum tat er das wohl?Nein, ich glaube nicht, daß Franz Gregor bessern oder gar belehren wollte, er zeigte ganz einfach sein Verständnis von Armut. Das konnte er nur, weil er es selbst auch schon seit Jahren lebte und der Kirche und ihren Bischöfen immer mit Liebe begegnet war.
Es ist ja bekannt im Leben: man läßt sich lieber von dem etwas Unbequemes sagen, von dem man aus Erfahrung weiß, daß er es gut meint. Gregor hatte bei Franz diese Erfahrung sammeln dürfen. Sie begegnen sich als Brüder und Freunde.
Ich antwortete:
Ja, gerade WEIL er so katholisch war, hat er nicht einfach alles hingenommen, was in seiner Kirche geschehen ist, sondern ist angetreten mit dem Auftrag: “Baue meine Kirche wieder auf!” – und dieser Auftrag kam von Jesus direkt und nicht vom Papst, der aber sehr gut verstanden hat, wie sein Traum von dem Bettler zeigt, der die wankende Kirche stützt, worum es eigentlich geht.
Franziskus hat NICHT einfach nur sein Verständnis von Armut gelebt. Das ist vielleicht ein Bild von Franziskus, das sehr angenehm und bequem ist. Er ist und bleibt auch ein Stachel im Fleisch. Ich glaube, Du übersiehst in Deiner Sicht der Dinge, dass Franziskus im Laufe seines Lebens auch sehr gelitten hat an seiner Kirche. Auch aus diesem Grund hat er irgendwann die Leitung des Ordens abgegeben (Kardinal Hugolin hat da durchaus eine Rolle gespielt – man kann nicht einfach behaupten, die beiden seien “Brüder und Freunde” gewesen) und nicht ohne Grund ist das Sonnenlied in einem der dunkelsten Abschnitte seines Lebens entstanden.
Je mehr ich mich mit den Schriften des Hl. Franz beschäftige, desto weniger brav erscheint mir dieser Mann Gottes, sondern fasziniert mich seine Radikalität und vor allem seine Kreativität. Seine vermeintliche Unterwürfigkeit ist bei genauer Betrachtung ein Zeugnis eines außerordentlichen Selbstbewusstseins. Der hat es überhaupt nicht nötig gehabt, sich brav einzuordnen …
Ralf schrieb:
Okay, ganz konkret, Janko: welche Schriften gegen kirchliche Lehren hat Franziskus verfaßt, welche Forderungen hat er an die Kirchenleitung gestellt, wo hat er von der Kirche eine Änderung der damaligen Lebenspraxis gefordert, in Wort oder Schrift?
Wo wird das überliefert?
Ich sage nicht, daß er einfach nur sein Ding gedreht hat, einfach NUR seine Armut gelebt hat. Aber bevor man so etwas von anderen fordern sollte, sollte man ZUMINDEST das tun.
Natürlich hat Franz an der Kirche gelitten, aber nur so wird sie sich heiligen können und nur so wird sich der einzelne heiligen können. An etwas oder jemandem zu leiden ist noch etwas grundlegend anderes als Forderungen zu stellen.
Franz verstand die Aufforderung des Kirchenaufbauens ganz konkret in der Porciuncula – erst der Papst verstand es global. Franz agierte immer lokal, lebte sein Ideal, kämpfte mit sich und den seinen – und liebte die Kirche.Es sei denn, Du findest etwas anderes in den Quellen, dann lerne ich gerne dazu.
Ich antwortete:
Weißt Du, der entscheidende Punkt ist doch in dieser Diskussion nicht, dass Franziskus Kritik an der Kirche seiner Zeit geübt hat, sondern dass und wie Du Kritik übst. Und damit würde ich dann gerne auf den Ausgangspunkt dieser kleinen Debatte hier zurückkommen, an dem DU die Naivität und/oder Gleichgültigkeit von Kirchenoberen bemängelst, die aus “Einladungen, Ehrendoktortiteln, Laudationes, Respektbezeugungen” scheinbar den Schluss ziehen, die “säkulare Welt” würde die Kirche irgendwie mögen. Du bedauerst jedenfalls den Abgang von Mixa, den Du zu den “Stimmen, die sich gegen den Mainstream wenden” zählst. Den DBK-Vorsitzenden Zollitsch zählst Du dazu offenbar nicht, sonst würdest Du ihn nicht als einen bezeichnen, der den Medien irgendwie “zu nett” ist, um in seiner Vergangenheit zu “wühlen”.
Du unterstellst dem Klerus eine Art Weltfremdheit, wenn Du – ausgehend von der eigenen Erfahrung – darauf aufmerksam machst, dass die Welt (sprich: Deine Welt) sich – zu 90% – nicht für Sakrales, sondern nur für Säkulares interessiert. Und dann wünschst Du Dir, dass sich Kirchenvertreter und “undemokratisch gewählte” Laienvertreter”, zurückhaltender oder wenigstens reflektierter in den Medien zeigen, was auch immer das konkret heißen mag.
Unterm Strich kommt also bei Dir folgendes Bild zum Vorschein: Naive und nur auf “Macht, Ruhm und Ehre” versessene Kirchenvertreter (wohl ein Teil des leitenden Klerus) und Laienvertreter (Zdk oder was?) merken nicht, dass sie Teil einer “Dramaturgie” der Medienwelt geworden sind, die sich gar nicht für Kirche interessiert, sondern ihr eigenes Spiel spielt und die Stimmen in Kirche erniedrigen will, die sich nicht am Mainstream bzw. – so übersetze ich mir das – am Zeitgeist orientieren und daher in der Welt anecken.
Ich bin eigentlich mit Dir einer Meinung, dass der Umgang vieler Amtsträger mit den Medien einer Art Kommunikationskatastrophe gleichkommt. Und ich finde, das KANN man auch sagen – Du machst es ja auch, und übst damit übrigens Kritik an der Kirchenleitung, nur mal so nebenbei. Vor allem die Sache mit den “unreflektierten Äußerungen” in “jedes subnasale Mikrofon” ist schon ziemlich deutlich.
Mein Problem dabei ist, dass Du neben Deiner Kritik an der Kirchenleitung vor allem aber und praktisch im Vorbeigehen ein negatives Urteil über die Welt fällst, vertreten quasi durch die “Medienwelt”, die so wenig an Kirche interessiert ist. Aber die Welt ist immer säkular und ich wollte darauf hinweisen, dass die franziskanische Perspektive die ist, dass sich Gott genau in diese Welt hinein inkarniert und auch in ihr gelebt und auch an ihr gelitten hat. Gott hat sich solidarisiert mit denen, die in seiner Welt leiden und damit hat er neue Maßstäbe gesetzt, unerhörte Maßstäbe, die jede Herrschaft und Macht in Frage stellen, weil sie sich am Höchsten messen muss. Auf diesem Hintergrund ist die radikale Armut eines Franz von Assisi ein leibhaftig gewordener Ausdruck dieser Umkehrung der Verhältnisse: Franziskus übt radikalen Statusverzicht, er geht nach unten, weil er glaubt, dass Gott ganz nach unten gegangen ist, und er wird – wie er sich ausdrück – allen Untertan und er gewinnt gerade so die Freiheit, sich von keiner Macht oder Herrschaft, sei sie weltlich oder kirchlich oder wie auch immer, beherrschen lassen zu müssen. Franz hat eben nicht nur die Kirche, sondern auch die Welt mit liebenden Augen gesehen, weil er verstanden hat, dass Gott diese Welt liebt, so unvollkommen sie auch sein mag. Er hat verstanden, dass es Gott gar nicht um Reinheit geht, sondern um Liebe – und das ist ein ganz zentraler Unterschied!
Von daher KANN Kirche kein TraditionalistenCLUB sein – und das Problem dabei ist die Bezeichnung Club. Das gibt’s überhaupt nicht in der franziskanischen Perspektive, weil die immer katholisch ist im wahrsten Sinne des Wortes! Kirche ist für alle da und muss für alle da sein und wie bei Liebenden muss sie bis an die Grenze der Selbstaufgabe um die Welt werben, um es mal in diesem Bild auszudrücken.
So kam ich auf die Unterscheidung zwischen Spiritualität von oben und von unten – wobei ich wie gesagt gar nicht die eine gegen die andere ausgespielt sehen will. Es braucht aber beide. Und bei vielen katholisch Engagierten, auch bei Dir, wenn ich das mal so direkt sagen darf, spüre ich viel von Abgrenzung, z.B. gegen den vielbeschworenen Mainstream. Da ist ein Kreisen um die eigene katholische Identität, was automatisch eine Abgrenzung von allem nichtkatholischen zur Folge hat und so geht das verloren, was man “katholische Weite” nennt. Deshalb mein Hinweis auf Franziskus und die Aussätzigen: Man kann das Gottesvolk nicht verändern, wenn man nicht bis an die Ränder geht. Franziskus hat kein exklusives Leben geführt, er hat inklusiv gelebt und die Schwächsten als Maßstab genommen für sein Leben.
Es ist ja fast symptomatisch, dass wir am Ende um die Frage kreisen, ob Franziskus GEGEN die Kirche war, ob er Schriften GEGEN die kirchliche Lehre verfasst hat usw. Darum geht es doch gar nicht. Selbstredend war Franziskus nie GEGEN die Kirche, auch wenn er den Kardinal und späteren Papst mit seiner kreativen Art beschämt und bloßstellt. Der viel wichtigere Punkt ist, dass Franziskus FÜR die Kirche war und genauso absolut auch FÜR die Welt, dass er sich ganz bewusst für ein Leben IN der Welt entschieden hat, für die Mission, für die er immer wieder neue Ideen entwickelt hat, Ideen wie das Krippenspiel in Grecchio z.B., das den Menschen zu Herzen ging und das alle verstanden haben. Er konnte eben mit der Welt umgehen und ich bin 100%ig überzeugt, dass er auch heute überhaupt kein Problem mit unserer Medienwelt gehabt hätte. Leider fällt mir zur Zeit niemand ein, den man mit dem Integrationstalent eines Franz von Assisi vergleichen könnte und – da beginnt dann wieder meine Kirchenkritik – die Kirchenleitung tut ja auch viel dafür, dass solche Talente gar nicht erst zum Zug kommen. Das Übrige erledigen dann die Eiferer für die Tradition, die für sie gleichzusetzen ist mit dem rechten Glauben, der aber aus franziskanischer Sicht seine Quelle im Evangelium hat und DAS IST die kirchliche Lehre. DANN kommt die Tradition und die hat Franziskus bezeichnenderweise wenig interessiert, sonst hätte er sich sicher hübsch brav eingereiht in die benediktinische Mönchstradition. Hat er aber nicht.
Du wünscht Dir, dass es der Kirchenleitung weniger um Ansehen und Erfolg gehen sollte. Wenn es unseren Hirten wirklich um weltliches Ansehen und Erfolg geht, dann sind sie momentan ziemlich erfolglos, fast eher bemitleidenswert. Es ist doch ein Trauerspiel, was gerade in und mit Kirche passiert. Du schreibst, es sollte ihnen eher um die Wahrheit gehen. Was soll denn das heißen? Ich würde sagen, aus franziskanischer Sicht ist damit das Evangelium gemeint und da heißt es “Geht hinaus in alle Welt”. Es wäre also aus franziskansicher Sicht geradezu wünschenswert, wenn sich ALLE Kirchenvertreter heute mehr Mühe geben würden, der Kirche zu Ansehen und zu Erfolg zu verhelfen. Franziskus hat das mit einer bewundernswerten Demut (=Selbstbewusstsein – Spiritualität von unten!!!) getan und tut es bis heute, weil er schließlich nach wie vor der ganzen Christenheit als ein leuchtendes Beispiel gilt, ein wirklich großer Heiliger.
Und an dieser Stelle habe ich beschlossen, dieses Blog zu beginnen, um an den anderen Franz zu erinnern.